EINE REVOLUTION UND DER UMGANG IHRER FOLGEN VON DER KIRCHE IN DER ZEIT DES HEILIGEN CHRISOSTOMOS



    Im Jahr 2007 feierten wir den 1600sten Todestag des Heiligen Christostomos vom Jahre 407, aber auch die 90 Jahre nach der Oktoberrevolution in Russland. Der Zusammenfall dieser beiden verschiedenen und ungleichen Gegebenheiten, sowie die Studie der Epoche des Heiligen Chrisostomos –in der eine ähnliche soziale Revolution in kleinerem Ausmaß stattfand-, gibt Anreiz, uns damit auseinanderzusetzen, welches das Werk aber auch die Haltung der Kirche ist, wenn sich Phänomene sozialer Erschütterung und gesellschaftliche Konflikte zeigen, welche zahlreiche Probleme verursachen und die gesellschaftliche Konsistenz, den Frieden, die Ruhe, das Wohlergehen, den Fortschritt erschüttern und pulverisieren und das Leben der Menschen zermalmen, indem sie sie zur Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit drängen. Damit wir sehen, welche die Haltung der Kirche sein muss, vor allem die Haltung der Kirchenführung, welche sowohl zuständig, wie auch verpflichtet ist sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen, werden wir uns mit dieser erschreckenden Revolution vom Jahre 387 beschäftigen, welche in dieser glorreichen und menschenstrotzenden Stadt Antiochiens stattfand und die beinahe dazu geführt hätte, dass sie von Grund auf zerstört worden wäre, wenn der damalige Bischof Flavian und sein erster und hauptsächlicher Mitarbeiter, der Heilige Chrisostomos, nicht katalytisch und effektiv eingeschritten wären. Schauen wir uns die Sache mal genauer an.

* * *

    Im Jahre 387 n.Chr. gab es einen großen Aufruhr der Bürger Antiochiens gegen des Großen Theodosios dem Ersten (347-397), Imperator des einheitlichen ost- und weströmischen Reiches (375-395), welcher ihnen neue und übertriebene Steuern auferlegte. Der Aufruhr war überall. Das Volk war aufgewühlt. Die arbeitslosen und alle störenden Elemente kratzten die Lage mehr auf mit dem Ergebnis, dass sich die Reaktion jeder Kontrolle und Besonnenheit entzog. Der Gouverneur der Stadt konnte grade noch dem Tod entgehen, die Statuen der kaiserlichen Familie jedoch wurden zerschmettert und von dem anstürmenden Volk mit Flüchen und Verwünschungen in den Fluss Orontes geworfen. Die Gewalttaten nahmen zu und die Lage verschlimmerte sich immer mehr.
    Die Antwort der Regierung war direkt.
Kaiserliche Truppen drängten in Antiochien ein, nahmen Massenfestnahmen vor, warfen Menschen ins Gefängnis und die Verhöre fingen an. Die damaligen Verhöre wurden gnadenlos und mit Foltern durchgeführt1. Es folgten Beschlagnahmungen2 von Vermögen, Versiegelungen von Häusern und Todesverurteilungen. Die Badeanstalten3 wurden auf Befehl des Imperators geschlossen, ebenfalls das Theater4 sowie das Hippodrom und Antiochien wurde der Rang der Metropole5 entzogen und der Sitz der Verwaltung nach Laodikea übertragen. Die Lage war schrecklich. Das Volk fing, krank vor Angst und Sorge, in die Berge und das Ödland zu fliehen. Antiochien, das einst vor Regsamkeit wie ein Bienenstock vibrierte, nahm die Gestallt einer Geisterstadt an6. Überall herrschte Schweigen7 voller Entsetzen und Einsamkeit. Das Unheil war wie ein Knoten in der Zunge und verschloss alle Münder. Das Leben und die Bewegung der Stadt hörten auf. Leere Häuser, leere Geschäfte, grade mal ein-zwei „Untote“ irrten umher. Die Überreste der Stadt, sammelten sich vor den Gerichtshöfen um zu sehen, was aus den Verhafteten werden würde. Obwohl sich eine große Menschenmenge dort versammelt hatte, sprach niemand8 von ihnen, da der eine den anderen verdächtigte. Innerhalb der Gerichte wurden die Verhafteten gefoltert, aber außerhalb der Gerichte litten ihre Angehörigen mehr, da sie erfuhren was sich dort ereignete und sich darum sorgten, was aus ihnen werden würde. Die Verhöre dauerten fünf Tage lang, ebenso die Verhaftungen und die Folterungen. Man erwartete eine generelle Bestrafung der Stadt.
    Das verängstigte Volk suchte in den Kirchen göttlichen Beistand. Nur ein Wunder konnte sie retten. Der Heilige Chrisostomos lebte und wirkte zu jener Zeit als Priester in Antiochien; Bischof war Flavian von Antiochia, der ihn vor einem Jahr zum Presbyter geweiht hatte. Chrisostomos ließ eine Woche9 verstreichen, in der er die schnellen wie auch unerwarteten und noch nie dagewesenen Entwicklungen beobachtete, stieg dann auf die Kanzel und sagte: „Was soll ich sprechen und was soll ich sagen? Diese Situation erfordert Tränen, keine Worte; sie ist zum trauern und nicht zum reden; zum beten und nicht zum deklamieren. Wer hat uns mit bösem Blick angeschaut, dass uns dieses Unheil ereilte? Nichts ist süßer als unsere Geburtsstadt; jetzt ist sie aber das Bitterste von allem geworden. Alle verlassen sie, wie man vor einer vernichtenden Falle flieht, alle entfernen sich in wilder Raserei, als ob sie befürchten, sie würden verbrennen“.
    Chrisostomos versuchte mit reichlichen moralischen Lehren ihre psychische Lage zu verbessern, ihnen Mut zu machen und sie anzustoßen auf Gott und seine Vorsehung zu vertrauen. Er sagte ihnen, und widerholte es während der gesamten Krise immer wieder, dass alles was im Leben der Menschen zustieß, - sei es Erfreuliches oder Trauriges-, im Plan Gottes inbegriffen sei und dazu diene uns auszubilden, wenn es möglich ist Heilige und vollkommen zu werden. Wir müssen also nicht nur für erfreuliche, aber auch für traurige Begebenheiten, die uns im Leben widerfahren, Gott danken, sogar noch mehr für die traurigen Begebenheiten, denn diese halten uns wachsam und vorsichtig. Wenn wir unachtsam sind, kann uns im Gegensatz dazu, das Erfreuliche einschläfern, uns geistlich erschlaffen lassen und zur Trägheit führen. Er betonte ebenfalls, dass es nicht die Natur der Dinge sei, die uns etwas als erfreulich oder traurig erscheinen lässt, sondern unsere Einstellung. Wenn wir also die richtige Einstellung haben, werden wir immer froh und glücklich sein, unabhängig davon welcher Natur die Ereignisse sind.
    Auf jeden Fall, beließ er es nicht bei einem verbalen von der Kanzel hinab gesprochenen Trost, aber er ging, -was aus seinen Vorträgen zu entnehmen ist-, zu einer Vorbereitung eines kompletten taktischen Plans, mit reichlichen Phasen und kräftigen Aktionen, über, um die tragische Situation zu bewältigen. So teilte er ihnen am nächsten Tag mit, dass Bischof Flavian sich entschieden hätte, sich nach Konstantinopel zu begeben um dem Imperator zu begegnen und ihn mit der Stadt zu versöhnen. Obwohl der Bischof alt war und seine Schwester im Todesbett lag, obwohl es Winter war und das Osterfest nicht mehr lange auf sich warten ließ wagte er diesen gefährlichen Versuch10. Er achtete auf nichts, außer auf die Rettung seiner Herde, aber auch auf die Rettung der andersgläubigen, der ausländischen, der häretischen und schismatischen Bewohnern Antiochiens.
    Wie uns der Heilige Chrisostomos11 berichtet, lebten zur Zeit des Heiligen Ignatius Theophoros 200.000 Bürger in Antiochien, und zwar nicht nur Christen, sondern auch Heiden, Juden, Häretiker und Schismatiker. Laut Panagiotis Christou12, zählte die Stadt, wenn man die Diener dazuzählt, 500.000 Seelen. Demzufolge, als die Revolution im Jahre 387 stattfand, also ungefähr 300 Jahre später, wird die Einwohnerzahl um ein Erhebliches größer gewesen sein. Auf der Hälfte des Weges, begegnete der Bischof dem Feldherrn Elevichos13 und dem Mitregenten Caseros, welche nach Antiochien unterwegs waren um die Verhöre zu leiten und dementsprechend über die Verhörten zu richten, und löste sich in Tränen auf14. Der Imperator, der über die Fakten unterrichtet war, hatte strenge Ordern gegeben, dass diejenigen die rebelliert und die Bildsäulen seiner Familie abgerissen hatten, gnadenlos bestraft werden sollten. Wir sollten nicht vergessen, dass –wegen einem anderen Vorfall- drei Jahre später, beim Aufstand 390 im Hippodrom von Thessaloniki Theodosios der Große diesen erstickte, indem er 7.000 –und nach anderen Quellen 15.000- Meuterer niedermetzeln ließ. Schonungslos war er zu allem entschlossen, um Aufständen in seinem Königreich zu unterbinden.
    Den Zeichen nach zu urteilen, erwartete Antiochien eine harte und strenge Bestrafung. Es wurden neue Verhaftungen vorgenommen und bald kamen Gerüchte auf, die Stadt werde dem Erdboden gleichgemacht werden. Der Schrecken des Volkes war nicht zu beschreiben; während Chrisostomos Abwesenheit, versammelten sie sich in der Kirche. Als der Aufseher der Stadt die Lage des Volkes sah, begab er sich –obwohl er Heide war- zur Kirche und versuchte sie zu beruhigen, weil er wahrscheinlich befürchtete, der Schrecken der Menschen könne sich wieder zu gewalttätigen Akten verwandeln. Am nächsten Tag sagte ihnen Chrisostomos: „Ich lobe den Herren der Stadt für sein Interesse, aber für euch schäme ich mich. Nachdem ich so viel und so lange geredet habe, brauchtet ihr die Worte eines Ungläubigen um Mut zu schöpfen. Ich wünschte, die Erde würde sich öffnen und mich verschlingen, als ich hörte, wie er euch mal beherzte und mal wegen eurer unsinnigen und zum falschen Zeitpunkt geäußerten Feigheit beschuldigte… Mit was für Augen werden wir den Ungläubigen gegenübertreten, wenn wir so voller falscher Ehrfurcht und feige sind?“15
    Trotzdem gingen die Verhaftungen weiter und die Gefängnisse füllten sich wieder. Der Aufseher der Stadt beruhigte das Volk von der einen Seite, von der anderen aber suchte er weiterhin nach den Urhebern des Aufstandes. Die gewohnten Spiele der Macht, die dich vorübergehend beruhigen, um dich später zu quälen und das, bis dein Aufstand gebrochen ist. Der Tag der Vollstreckung des Urteils über die Verhafteten rückte nahe. Doch dann passierte etwas Unvorhergesehenes.16 Als Reiche17, Leute mit Positionen und Würden, staatliche Philosophen und die „kynischen Bastarde“18 in die Wildnis zogen um sich zu retten, begaben sich Mönche, die in der Wildnis lebten und keinen Grund und Vorteil hatten sich um diese Dinge zu kümmern, nach Antiochien. Sie durchbrachen den Ring der Wachen, umzingelten die Richter und fingen an sich über die Verfolgungen zu beschweren. Mit Selbstverleumdung kündigten sie an, sie seien bereit sich verfolgen und bestrafen zu lassen anstatt des Volkes Antiochiens. Mit Stärke und Mut sprachen sie zum Gouverneur: „Wir werden es weder dulden noch erlauben, dass ihr eure Schwerter in Blut taucht, noch dass ihr Köpfe rollen lässt. Und wenn ihr nicht nachgebt, so werden wir mit ihnen sterben“. Und ein Mönch sagte: „Die Bildsäulen, die vernichtet wurden, sind wieder aufgerichtet worden; wenn ihr aber die Ebenbilder Gottes tötet, diese lebenden Bildsäulen, wie wollt ihr sie wieder auferstehen lassen, wie wollt ihr wieder Körper und Seelen einen“?
    Es muss bemerkt werden, dass 376, also vor 11 Jahren, der arianische Kaiser Flavius Valens den Mönchen Antiochiens den Krieg erklärt hatte19. Die Mönche wurden damals von vielen Antiochiern, und zwar nicht nur von Andersgläubigen und Heiden, sondern auch von Christen, verschmäht, verletzt und an die Behörden verraten. Ja, sie plusterten sich damit auf, dass sie die ersten waren, die diesen Mönch verraten, jenen Mönch verletzt, dass sie die Richter gegen sie gereizt hätten und weitere elende und schreckliche Dinge20. Um die Mönchs-Institution zu stützen, wurde Chrisostomos gezwungen drei Abhandlungen abzufassen; a) an die Polemiker des mönchischen Lebens, b) an den untreuen Vater, und c) an den treuen Vater.
    Und trotz dieses elenden Verhaltens der Antiochier vom Jahre 376, kommen jetzt im Jahre 387 die Mönche um diese zu verteidigen.

    Direkt nach den Mönchen trafen Chrisostomos mit den übrigen Priestern Antiochiens ein. Er stellte sich vor den Toren des Gerichtes und sagte den Richtern, sie kämen nicht vorbei, es sei denn nur über ihren Leichnamen. Gleichzeitig flehten sie auf Knien mit dem Volk die Richter an, sie mögen das Verfahren verschieben21. Sie handelten zugleich mit Mut und Güte und nicht mit Frechheit und Egoismus. Mithilfe der Soldaten, schafften es jedoch die Richter sich einen Weg durch die Menge zum Gericht zu bahnen. Auch sie zitterten wortwörtlich bei dem Gedanken, sie könnten beschuldigt werden, sie seien zu nachsichtig mit den Rebellen und Verleumdern des Kaisers umgegangen.
    Als Höhepunkt aller Reaktionen geschah folgendes. Eine Mutter, mit offenem weißem Haar, bekam die Zügel des Pferdes eines Richters zu fassen und kam so in den Gefängnishof des Gerichtsaals. Als sie dort ihren Sohn in Fesseln sah, umarmte sie ihn und bat mit herzzerreißenden Schreien mit ihm getötet zu werden.22 Die dramatische Szene war der Höhepunkt der Reaktionen und rief großen Eindruck hervor. Endlich überwand sich der kaiserliche Verwalter, akzeptierte den Aufschub des Verfahrens und erlaubte den Mönchen einen Brief an den Kaiser zu schicken mit der Bitte, er möge die Angelegenheit mit Nachsicht behandeln. Der Aufschub des Verfahrens war die erste positive Begebenheit, welche die schreckliche Lage der Antiochier besänftigte. Es war etwas, was die Mönche und die Geistlichen mit ihrer energischen und mutigen Reaktion innerhalb eines Tages geschafft hatten. Chrisostomos bewunderte sie noch mehr als andere die Verwandten und die Mütter für ihre Selbstaufopferung bewunderten. Ohne die Inhaftierten geboren zu haben, ohne sie großgezogen zu haben, ja, ohne sie gar gekannt zu haben, sind sie losgezogen um sich für ihre Rettung zu opfern.
    Als Bischof Flavian in Konstantinopel eintraf, ging er direkt zum Palast, wobei er auf dem Weg viele Tränen vergoss. Als der Kaiser ihm begegnete, beschuldigte er zornig die Antiochier der Undankbarkeit, da er früher so viel Gutes für ihre Stadt getan hatte, und der Respektlosigkeit, da sie nicht nur seine und seiner Kinder Bildsäulen zerstört hatten, sondern auch die seiner Ehefrau Placilla, die sehr tugendhaft war und am 14. September 385 –vor zwei Jahren- gestorben war und von der Kirche, wegen ihres Lebens und ihrer Taten, als heilig erklärt worden war. Welchen Grund gab es, sich auf Kosten unschuldiger Toten zu entrüsten? Flavian sah, dass der Kaiser wütend war und so vergoss er weitere Tränen und ließ seinem Ausbruch die nötige Zeit und als das vorbei war, ergriff er das Wort. Er sprach mit Diskretion, Fertigkeit und Weisheit um die Rettung Antiochiens zu erreichen. Lasst uns seine Rede genießen23.

    „Mein König, fürwahr, Ihr ward uns immer gutgegönnt und habt unsere Stadt stets geliebt. Und es ist wahr, wir entgegneten Euch, mit der Synergie des Teufels, Undankbarkeit. Und ja, ich gebe es zu, dass was Ihr auch tun mögt, Ihr würdet uns nicht dieser Tat würdig genug bestrafen können. Auch wenn Ihr die Stadt vernichten würdet, wenn Ihr sie verbrennen würdet, auch wenn Ihr uns alle töten ließet. Nicht nur Ihr, das ganze Universum beschuldigt uns.
    Wenn ihr jedoch wollt, so gibt es etwas, das das Böse heilen würde. Denn die großen und unerträglichen und schmerzlichen Angelegenheiten werden zugleich Ursachen dass große Nutzen und viel Gutes entsteht.
Mein König, erinnert Euch, dass unsere Ahnen Gott gegenüber Undankbarkeit gezeigt hatten und sich und sich auf die Seite des Teufels stellten, der ihnen nichts geboten hatte. Und trotzdem hat sie Gott nicht vernichtet; er bestrafte sie pädagogisch indem er sie aus dem Paradies verwies, und mit seinem Sohn bestrafte er den Urheber des Ungehorsams, den Teufel. Wenn ihr die Antiochier bestraft indem Ihr sie vernichtet, so erfreut Ihr den Teufel, der die Antiochier zu dieser Meuterei verleitet hat um sie zu vernichten. Wenn Ihr ihnen jedoch verzeiht, so eliminiert Ihr den Teufel der wegen Eures Wohlwollens die Antiochier beneidet hat, und sie selbst erfüllt Ihr mit Gewissensbissen, wegen ihres ungerechten und niederträchtigen Verhaltens. Sie haben Eure Bildsäulen zerstört; Ihr könnt jedoch mit Eurer Barmherzigkeit und Eurer Verzeihung in jeder antiochischen Seele eure unbebaute Bildsäule gründen, und zwar für immer.
    Ihr sagt, kein anderer König musste so eine große Schmach erdulden, wie Ihr. Wenn Ihr jedoch nur wollt, so kann Euch diese Beleidigung einen glorreicheren Kranz schenken, als wie die Krone, die Ihr tragt. Denn dem Herrscher gibt nicht der Menschen Ehre und Respekt vor seinem Titel oder seiner Stellung so viel Wert, wie hauptsächlich und vor allem seine persönliche Tugend. Euer Diadem ist Beweis Eurer Tugend, als auch Gottes Wohlwollens; aber was Euch bewundernswerter und gewaltiger macht, ist Eure Verzeihung und Barmherzigkeit. Ihr werdet mir erlauben, Euch an eine Begebenheit zu erinnern, die einem Vorgänger Eures Thrones widerfuhr. Als einst die Bildsäule Konstantin des Großen gesteinigt und zerstört wurde, rieten ihm seine Mitarbeiter die Urheber hart zu bestrafen, dieser jedoch tat es nicht. Mit philosophischem Benehmen, ertastete und ergründete er mit seinen Händen unerschrocken und gleichgültig sein Gesicht, lächelte ruhig und sagte: „Ich sehe nirgends eine Wunde. Mein ganzer Kopf ist in Ordnung; mein Gesicht ist nicht entstellt.“ Die Mitarbeiter, die zu einer Bestrafung gerieten hatten, zogen sich beschämt zurück. Viele die Machenschaften Konstantin des Großen, dieses jedoch, in diesem Fall, ist das glorreichste und größte. Es ist der Menschen Lob und Gottes Kränzen wert.
    Aber es ist nicht nötig fremde Beispiele aufzuzählen. Mein König, erinnert Euch, dass mit dem Osterfest, welches vor der Tür steht, Ihr einen Befehl erlassen habt, alle Inhaftierten zu befreien. Dort schriebt Ihr: „Ich wünschte, ich könnte die Toten zurückholen, die wegen der Todesstrafe hingerichtet worden sind“. Und doch mein König, Ihr könnt mit nur einem Wort das sterbende Antiochien auferstehen lassen. Ihr könnt ihr mehr Gutes tun als jener, der sie baute. Denn Antiochien liegt im Sterben und es besteht kein Nutzen aus ihrer Errichtung. Wenn Ihr sie von den Barbaren befreien würdet, es wäre nicht bewundernswert, denn andere haben es auch getan. Bewundernswert wäre, wenn Ihr ihr verzeihen würdet.
    Schließlich geht es nicht nur um Euch; es geht auch um das Christentum. Hat es die Kraft die Menschen im Bilde unseres Herren und Erlösers Jesu Christo zu gestallten, der auch seinen Feinden verzieh? Juden und Heiden warten darauf genau das zu sehen. Hört nicht auf jene, die behaupten, dass wenn Antiochien unbestraft bleibt, dies ein schlechtes Beispiel für andere Städte sei. Alle wissen, dass Ihr jeden Beliebigen bestrafen könnt. Die Antiochier sind schon vor Sorge und dem, was ihnen passiert bestraft worden. Es ist leicht, zu bestrafen. Schwierig, außerordentlich und selten ist es jedoch zu verzeihen. Vor allem, wenn man König ist.
    Mein König, Antiochien ehrt Euch, indem sie mich schickt, denn sie kennt Eure Frommheit der Kirche gegenüber und sie weiß, dass Ihr den Behörden Gottes Priester vorzieht, auch wenn sie noch so unedel sind. Ich komme aber nicht nur als Antiochiens, sondern auch als Gottes Botschafter, der sagt: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mat. 6, 14-15). Erinnert Euch, dass auch Ihr einen König habt, auf den Ihr hören müsst. Erinnert Euch, dass auch Ihr eines Tages gerichtet werdet, und dass wenn Gott Missetaten an uns sieht, niemand ihm unschuldig gegenüberstehen kann. Erinnert Euch, wie Christus jenen verzieh, die ihn kreuzigten und wie er uns stets verzeiht und liebt „denn er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mat. 5, 45).
    Mein König, lasst unsere Hoffnungen nicht verzweifeln, lasst meine Versprechungen dem Volke gegenüber nicht als Lügen erscheinen. Wenn Ihr auf mich hört, so werde ich mit großem Mut zurückkehren. Wenn nicht, so werde ich nicht nur nicht zurückkehren, sondern auch Antiochien als meiner Geburtsstadt entsagen und mich als Bürger einer anderen Stadt einschreiben lassen. Sie soll nie meine Heimatstadt sein, die Ihr –der größte Wohltäter und sanfteste aller Menschen- nicht anerkennen und verzeihen wolltet.“

    Die Rede des Bischofs berührte den Kaiser so sehr, dass er tränte; er erließ Absolution und bewegte den Bischof dazu, schnell zurückzukehren damit er das Osterfest feiern könne. Er schickte Postboten nach Antiochien, die schnellstens die frohe Botschaft verkünden sollte und versprach die Stadt auch selbst zu besuchen. Als die Antiochier die Nachricht empfingen, schmückten und beleuchteten sie die Stadt, als ob sie ihr Gründungsfest feiern würden. Der Heilige Chrisostomos stieg am Osterfest aufs Rednerpult und sagte: „Gelobt sei der Herr, der uns erlaubt dieses heilige Fest mit großer Freude und Besonnenheit zu feiern, der den Kopf dem Körper zuordnet, den Schäfer den Schafen, den Lehrer den Schülern, den General den Soldaten, den Hohepriester den Priestern. Gelobt sei Gott, der „unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können“ (Eph. 3, 20).24

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So endete diese große Versuchung für Antiochien, die ungefähr zwei Monate gedauert hatte und die wortwörtlich diese menschenreiche Stadt erschüttert hatte. Durch diese Begebenheit zeigte sich die große Macht der Kirche und ihr sozialer Beitrag. Chrisostomos Persönlichkeit dominierte, da er -mit seinen 21 Reden über „den Bildsäulen“- nicht einfach dem Volk Fabeln erzählte, noch weil er für eine erfolgreiche Gegenüberstellung der Begebenheit gesorgt hatte, sondern vielmehr weil er ihre psychische Lage nutzend, verschiedene böse Eigenschaften der Antiochier erfolgreich bekämpfen konnte, und zwar die Blasphemie und ihre Neigung zu Schwüren. Wenn man diese Reden studiert, kann man zahlreiche Einzelheiten über die Entwicklung des Aufstands, über das Heldentum Bischof Flavians, Chrisostomos, der Mönche und der Priester der Stadt erfahren. Von diesen Reden wurde die erste fünf Tage25 vor der Zerstörung der Bildsäulen gehalten. Ihr Thema war „Gründe der Sorgen und der Katastrophen“. Ein buchstäblich prophetisches Thema, welches die Antiochier auf das vorbereitete, was folgen würde und welches auf dieses „wieso“ der Menschen antwortete, welches sie stets fragen, wenn eine Katastrophe sie ereilt. Die 19te Rede handelt über den Sonntag vor der Himmelfahrt und bezieht sich nicht auf die Ereignisse die sich ereigneten. Es wäre eine wünschenswerte Tat, wenn wir diese Reden lesen würden, damit wir mit Chrisostomos Worten diese Begebenheiten vergnügt in uns aufnehmen können.

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    Von dem, was wir hier berichtet haben, geht klar hervor, dass wenn soziale Aufwühlungen und kosmogenische Wechsel stattfinden, dass im Wesentlichen genau dann der kirchliche Einschritt stattfindet. Diese Aufwühlungen werden von Gott erlaubt, damit die Menschheit im heilbringenden Sinn wachgeschüttelt wird. Die Kirche muss diese Situationen nutzen, um zum Volk durchzudringen, um ihm beizustehen, um ihm zu lehren, zu stützen und vor allem, um ihm psychisch und ethisch auf die Beine zu helfen. Außerdem muss sie sich gegen die Großen und Starken und gegen den sündhaften Verankerungen emporheben und sich auf die Seite der Schwachen und der Opfern stellen. Wehe wenn die sozialen Erschütterungen die Kirche untätig und gleichgültig, oder schlimmer noch, auf der Seite der Starken vorfinden. Denn dann wird aus ihr –im weltlichen Sinne- das „Opium des Volkes“, das Salz, das seinen Geschmack verlor und zu nichts mehr zu gebrauchen ist, mit dem Ergebnis weggeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.

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Die Quellennachweise müssen bei Gelegenheit verdeutscht werden. Bis dahin, bitten wir um ihr Verständnis.

1 Ε.Π.Ε. Έργα Χρυσοστόμου, τόμ. 32, σσ. 374·376
2 ένθ’ ανωτ. σ. 380
3 ένθ’ ανωτ. σσ. 430·528
4 ένθ’ ανωτ. σ. 526
5 ένθ’ ανωτ. σ. 528
6 ένθ’ ανωτ. τόμ. 31, σσ. 630-634 και τόμ. 32, σσ. 58·372
7 ένθ’ ανωτ. τόμ. 31, σ. 636
8 ένθ’ ανωτ. τόμ. 32, σ. 372
9 ένθ’ ανωτ. τόμ. 31, σ. 628
10 ένθ’ ανωτ. τόμ. 32, σ. 8
11 ένθ’ ανωτ. τόμ. 37, σ. 114
12 ένθ’ ανωτ. τόμ. 1, σ. 13 πρβλ. και τόμ.32, σ. 14
13 ένθ’ ανωτ. τόμ. 32, σ. 510
14 αυτόθι σ. 672
15 αυτόθι σ. 470
16 αυτόθι σσ. 514·569
17 αυτόθι σ. 520
18 αυτόθι σ. 518
19 P.G. Migne, Αθήνα 2006, τόμ. 47, Εισαγωγικά, Χρυσοστόμου Παπαδοπούλου, Αρχιεπισκόπου Αθηνών, σ. 19
20 Χρυσοστόμου μνημ. έργ. τόμ. 28, σ. 336
21 ένθ’ ανωτ. τόμ. 32, σ. 526
22 ένθ’ ανωτ. σ. 516
23 ένθ’ ανωτ. σ.676
24 ένθ’ ανωτ. σ. 664
25 ένθ’ ανωτ. τόμ. 31, σ. 27, υποσ. 10
 

 

MELETIOS AP. VADRACHANIS

ARCHIMANDRIT

Danke, dass sie uns besucht haben.
 
 
 
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